DNA-Tests von Darmpolypen verbessern den Einblick in erbliche Risiken

Europäische Zusammenarbeit belegt den Wert gezielter Tumoranalysen

 

12. Januar 2026 – Bei fünf bis zehn Prozent der Darmkrebspatient*innen spielen erbliche Faktoren eine Rolle, wobei der Anteil bei jüngeren Personen höher ist. Forschungen des Radboud University Medical Center und des Universitätsklinikums Bonn (UKB) in Zusammenarbeit mit Forschenden aus München und Barcelona zeigen, dass die DNA-Analyse von Darmpolypen wichtige zusätzliche Informationen über die Entstehung dieser Polypen und von Darmkrebs liefert. Diese DNA-Analyse führt zu einer besseren Diagnose und Behandlung und bietet Betroffenen und ihren Familienangehörigen mehr Klarheit. Die Ergebnisse wurden nun in der Fachzeitschrift „Gastroenterology“ veröffentlicht.

 

Darmkrebs ist eine der häufigsten Krebsarten in der westlichen Welt (WHO-Factsheet). Es wird geschätzt, dass bei fünf bis zehn Prozent der Fälle erbliche Faktoren eine Rolle spielen, wobei die Prävalenz erblicher Faktoren bei jüngeren Betroffenen höher ist. Eine große Anzahl von Darmpolypen gilt als deutlicher Risikofaktor für Darmkrebs: mindestens zehn Polypen bei Menschen unter 60 Jahren und mehr als 20 bei Menschen unter 70 Jahren. Diese Personen können sich einer genetischen Untersuchung mittels Blut-DNA-Analyse unterziehen. In etwa einem Viertel der Fälle wird eine genetische Ursache identifiziert. Diese Patient*innen und die Mutationsträger*innen unter ihren Verwandten haben Anspruch auf regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen, um Darmkrebs frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.

Bei den übrigen drei Vierteln der Betroffenen kann jedoch keine genetische Ursache für die Erkrankung festgestellt werden, selbst wenn ein starker Verdacht auf ein erbliches Risiko besteht, erklärt Richarda de Voer, leitende Forscherin am Radboudumc. „Zum Beispiel, weil sie eine große Anzahl von Polypen haben oder Verwandte, bei denen Darmkrebs diagnostiziert wurde. In dieser Gruppe haben wir umfangreiche genetische Analysen der DNA der Polypen selbst durchgeführt. Wir wollten wissen, ob dies weitere Informationen liefern könnte, beispielsweise darüber, wie sich ein Polyp entwickelt.“

 

Risikovorhersage

Zusammen mit einem internationalen Team innerhalb des Solve-RD-Konsortiums analysierten die Forschungsgruppen 333 Polypen von 180 Personen aus ganz Europa, bei denen durch die Analyse von aus Blut gewonnener DNA keine genetische Ursache festgestellt werden konnte. Dabei ergab sich ein klares Bild: Achtzig Personen hatten adenomatöse Polypen. Diese Polypen wurden hauptsächlich durch nicht-vererbte Mutationen im APC-Gen verursacht, aber bei mindestens 20 Prozent der Personen lag ein APC-Mutationsmosaik vor. Das bedeutet, dass die Veranlagung nicht in allen Körperzellen vorhanden ist, sondern beispielsweise auf Zellen des Dickdarms beschränkt sein kann.

„Wir wissen bereits seit einiger Zeit, dass diese Veranlagung für Polypen und Darmkrebs existiert, aber sie wird noch nicht routinemäßig in allen Zentren in Europa analysiert“, sagt Stefan Aretz, leitender Forscher am Universitätsklinikum Bonn und Mitglied im Transdisziplinären Forschungsbereich (TRA) „Life & Health“ der Universität Bonn. Darüber hinaus legt diese Studie nahe, dass bei der Entwicklung von adenomatösen Polypen ohne erbliche Veranlagung APC wahrscheinlich das einzige Gen ist, bei dem Mosaike eine Rolle spielen. „Wenn ein Bluttest negativ ausfällt, ist die DNA-Analyse von Polypen der Weg, um diese Form der genetischen Veranlagung zu erkennen. Das ist wichtig, weil Geschwister von Menschen mit dieser Form der Veranlagung kein erhöhtes Risiko haben, ihre Nachkommen jedoch schon“, sagt De Voer, und Erstautorin Anna Katharina Sommer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Humangenetik des UKB ergänzt: „Darüber hinaus lieferte die Studie wertvolle Erkenntnisse über die frühen genetischen und epigenetischen Mechanismen der Tumorentstehung im Magen-Darm-Trakt.“

 

Wachstum aus normalem Gewebe?

Etwa sechzig Personen hatten sogenannte serratierte Polypen. Fast alle wiesen eine nicht vererbbare Mutation im BRAF-Gen auf. Eine detaillierte genetische Analyse ergab, dass diese Polypen genetisch gesehen einer Überwucherung von normalem Darmgewebe ähneln. De Voer: „Wir wollen dies weiter untersuchen, da wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen können, ob sich diese Polypen immer zu Darmkrebs entwickeln.“

 

Klarheit in der Diagnose

Mit dieser Forschung haben die Teams von De Voer, Aretz und ihren Kolleg*innen einer großen Gruppe von Betroffenen zu einer klaren Diagnose verholfen und den Mehrwert aufgezeigt, den die DNA-Analyse von Polypen mit Hilfe fortschrittlicher Technologien als Bestandteil der Regelversorgung hätte. „Insbesondere die Identifizierung von APC-Mosaiken durch die Einführung einer umfassenderen Untersuchung ermöglicht nicht nur diagnostische Klarheit für die Betroffenen, sondern entlastet auch ihre Angehörigen und kann ein Risiko für die Mehrheit ihrer Kinder ausschließen“, sagt Aretz.

 

Wann sind weitere Tests erforderlich?

In Deutschland wird jedes Jahr bei etwa 60.000 Personen Darmkrebs diagnostiziert. Frauen und Männern wird die Darmkrebs-Vorsorge mit 50 Jahren empfohlen, wobei die Darmspiegelung (Koloskopie) als effektivste Methode gilt und bei unauffälligem Befund nach zehn Jahre wiederholt werden kann (insgesamt zwei Mal). Alternativ ist alle zwei Jahre ein Stuhltest (iFOBT) möglich. Bei erhöhtem Risiko, zum Beispiel bei vielen Darmpolypen oder einer familiären Häufung von Darmkrebs, oder bei einem auffälligem Stuhltest wird immer eine Abklärung mittels Koloskopie empfohlen. Die Teilnahme ist freiwillig und hilft, Krebs frühzeitig zu erkennen. Bei Unsicherheiten oder Symptomen sollte man sich an den Hausarzt wenden.

 

Publikation: Anna K. Sommer et al.: Mutational Landscape of Colorectal Tumors From Individuals With Unexplained Adenomatous or Serrated Colorectal Polyposis; DOI: https://doi.org/10.1053/j.gastro.2025.10.011

 

Wissenschaftlicher Kontakt:
Prof. Dr. Stefan Aretz
Institut für Humangenetik; Universitätsklinikum Bonn
Zentrum für erbliche Tumorerkrankungen
ERN GENTURIS, DRN ETS
TRA „Life & Health“, Universität Bonn
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Dr. Anna Katharina Sommer
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Humangenetik
Universitätsklinikum Bonn
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Dr. Richarda M. de Voer, PhD
Assistant professor | Cancer Genomics
Radboud Universitair Medisch Centrum (Radboudumc)
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Pressekontakt:
Dr. Inka Väth
stellv. Pressesprecherin am Universitätsklinikum Bonn (UKB)
Stabsstelle Kommunikation und Medien am Universitätsklinikum Bonn
Telefon: (+49) 228 287-10596
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Pauline Dekhuijzen
Science / press officer @ Radboudumc
Telefon: +31 6 21 10 54 33
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Das Centrum für Integrierte Onkologie – CIO Bonn ist das interdisziplinäre Krebszentrum des Universitätsklinikums Bonn. Unter seinem Dach arbeiten alle Kliniken und Institute am Universitätsklinikum zusammen, die sich mit der Diagnose, Behandlung und Erforschung aller onkologischen Erkrankungen befassen. Das CIO Bonn gehört zum bundesweiten Netzwerk ausgewählter Onkologischer Spitzenzentren der Deutschen Krebshilfe. 2018 wurde aus dem seit 2007 bestehenden CIO Köln Bonn mit den universitären Krebszentren aus Aachen, Köln und Düsseldorf das "Centrum für Integrierte Onkologie - CIO Aachen Bonn Köln Düsseldorf" gegründet. Gemeinsam gestaltet dieser Verbund die Krebsmedizin für rund 11 Millionen Menschen.

Zum Universitätsklinikum Bonn: Im UKB werden pro Jahr über 480.000 Patient*innen betreut, es sind 8.800 Mitarbeiter*innen beschäftigt und die Bilanzsumme beträgt 1,5 Mrd. Euro. Neben den über 3.300 Medizin- und Zahnmedizin-Studierenden werden pro Jahr weitere 580 Frauen und Männer in zahlreichen Gesundheitsberufen ausgebildet. Das UKB steht im Wissenschafts-Ranking auf Platz 1 unter den Universitätsklinika (UK) in NRW, weist den vierthöchsten Case Mix Index (Fallschweregrad) in Deutschland auf und hatte 2020 als einziges der 35 deutschen Universitätsklinika einen Leistungszuwachs und die einzige positive Jahresbilanz aller Universitätsklinika in NRW.