Aspirin zur Darmkrebsprävention bisher selten genutzt
Weniger als jeder zehnte Mensch mit Lynch-Syndrom nimmt Acetylsalicylsäure zur Krebsprävention – trotz hoher Offenheit für neue Vorsorgeansätze
Bonn, 08. Oktober – Laut internationalen Studien kann die tägliche Einnahme von Acetylsalicylsäure Menschen mit Lynch-Syndrom davor schützen, an Darmkrebs zu erkranken – selbst in niedriger Dosierung. Forschende des Universitätsklinikums Bonn (UKB), der Universität Bonn und des Centrums für Integrierte Onkologie (CIO) Bonn fanden gemeinsam mit der Selbsthilfeorganisation SemiColon nun heraus, dass diese wissenschaftlichen Erkenntnisse bislang nur unzureichend in der Versorgung angekommen sind. Die Ergebnisse der LYNX-Studie sind jetzt als Letter in der Fachzeitschrift The Lancet Gastroenterology & Hepatology erschienen.
Menschen mit Lynch-Syndrom tragen aufgrund einer erblichen Veranlagung ein deutlich erhöhtes Risiko, an Darmkrebs und weiteren Krebsarten zu erkranken. Die CAPP2-Studie hatte bereits in dieser Hochrisiko-Gruppe gezeigt, dass Acetylsalicylsäure das langfristige Darmkrebsrisiko deutlich reduzieren kann. Untersucht wurde dabei eine vergleichsweise hohe tägliche Dosis von 600 Milligramm. Die kürzlich veröffentlichte internationale CaPP3-Studie deutet nun darauf hin, dass auch eine niedrigere Dosis von 100 Milligramm täglich ein ähnliches krebspräventives Profil aufweisen könnte, bei gleichzeitig weniger Nebenwirkungen und insbesondere weniger Blutungskomplikationen. „Da die statistischen Kriterien für eine formale Gleichwertigkeit der beiden Studien nicht in allen Analysen erfüllt wurden, ist die Interpretation noch mit einer gewissen Zurückhaltung vorzunehmen“, sagt Korrespondenzautor Dr. Robert Hüneburg, Oberarzt an der Medizinischen Klinik I des UKB, der auch an der Universität Bonn forscht. „Die Ergebnisse der CaPP3-Studie sprechen jedoch dafür, dass 100 mg täglich für viele Betroffene eine praktikable und besser verträgliche Option sein könnten.“
Bonner Befragung bereits vor Veröffentlichung von CaPP3
Die Befragung von 539 Menschen mit Lynch-Syndrom aus ganz Deutschland wurde vor Veröffentlichung der CaPP3-Ergebnisse konzipiert und zwischen Dezember 2025 und Februar 2026 durchgeführt. Sie bildet daher die bisherige Nutzung von Acetylsalicylsäure auf Grundlage der zu dieser Zeit verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz ab. „Künftige Untersuchungen müssen zeigen, ob die neuen Erkenntnisse zur niedrigeren Dosierung dazu beitragen, dass Acetylsalicylsäure häufiger zur Krebsprävention eingesetzt wird“, sagt Hüneburg.
Die Bonner Ergebnisse zeigen ein ausgeprägtes Präventionsbewusstsein: Rund 97 Prozent der Befragten kennen die speziellen Vorsorgeempfehlungen, und nahezu alle nehmen regelmäßige Darmspiegelungen wahr. Dennoch gaben nur 10,4 Prozent an, aktuell Acetylsalicylsäure einzunehmen. Lediglich 6,9 Prozent der gesamten Gruppe nutzten Acetylsalicylsäure ausdrücklich zur Krebsprävention beim Lynch-Syndrom. „Als wesentliche Gründe wurden eine bislang geringe Beschäftigung mit dem Thema, Sorgen vor Nebenwirkungen und Unsicherheit hinsichtlich der wissenschaftlichen Evidenz angegeben“, sagt Co-Erstautorin Dr. Anne-Sophie Layritz, Assistenzärztin an der Medizinischen Klinik I des UKB.
Gleichzeitig zeigte sich eine hohe Offenheit gegenüber neuen Präventionsansätzen. Rund drei Viertel der Befragten konnten sich grundsätzlich eine Teilnahme an einer Studie zu einer präventiven mRNA-Krebsimpfung vorstellen. Nach zusätzlichen Informationen stieg dieser Anteil auf rund 80 Prozent. Mehr als 92 Prozent gaben an, eine solche Impfung in Anspruch nehmen zu wollen, falls sie künftig zugelassen würde. Auch eine mögliche Placebozuteilung und das Risiko von Nebenwirkungen wurden von einer Mehrheit akzeptiert. „Diese Ergebnisse zeigen, wie groß das Interesse der Betroffenen an innovativen Präventionsmöglichkeiten und an einer aktiven Beteiligung an der Forschung ist“, sagt Co-Erstautorin Nicola Reents von SemiColon.
Umsetzungslücke in der Versorgung
Die Ergebnisse der LYNX-Studie zeigen damit keine grundsätzliche Zurückhaltung gegenüber Krebsprävention. Vielmehr besteht eine deutliche Umsetzungslücke zwischen wissenschaftlicher Evidenz, ärztlicher Beratung und tatsächlicher Anwendung. Laut den Autoren sind Menschen mit Lynch-Syndrom für Prävention und neue Forschungsansätze sehr aufgeschlossen. Entscheidend sind jedoch eine frühzeitige, verständliche und strukturierte Information sowie eine individuelle Abwägung von Nutzen und Risiken.
Die Unterstützung von Zentren des Deutschen Konsortiums Familiärer Darmkrebs und die Zusammenarbeit mit der Selbsthilfeorganisation SemiColon war für das Projekt von zentraler Bedeutung. Durch das Netzwerk konnten viele Betroffene erreicht und die Fragestellungen sowie Ergebnisse aus Patientenperspektive eingeordnet werden. Nicola Reents von SemiColon ist zudem geteilte Erstautorin der Publikation. „Das Projekt ist damit ein sehr gutes Beispiel für Forschung, die nicht nur über, sondern gemeinsam mit Betroffenen durchgeführt wird“, betont Hüneburg.
Publikation: Anne-Sophie Layritz, Nicola Reents, Katrin van Beekum, Prof Jacob Nattermann, Robert Hüneburg: The implementation gap in aspirin chemoprevention for Lynch syndrome; The Lancet Gastroenterology & Hepatology, DOI: https://doi.org/10.1016/S2468-1253(26)00216-5
Wissenschaftlicher Kontakt:
Dr. Robert Hüneburg
Nationales Zentrum für erbliche Tumorsyndrome (NZET)
Oberarzt an der Medizinische Klinik I
Universitätsklinikum Bonn
Tel.: +49 228 28715260
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Bildnachweis: Universitätsklinikum Bonn (UKB) / Alessandro Winkler
Pressekontakt:
Dr. Inka Väth
stellv. Pressesprecherin am Universitätsklinikum Bonn (UKB)
Stabsstelle Kommunikation und Medien am Universitätsklinikum Bonn
Telefon: (+49) 228 287-10596; E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Die Selbsthilfeorganisation SemiColon e. V. unterstützt Menschen mit Lynch-Syndrom, fördert den Austausch und die Vernetzung untereinander, stellt aktuelle Informationen bereit und vertritt die Interessen Betroffener in Forschung, Leitlinien und Politik: www.semi-colon.de.
Das Centrum für Integrierte Onkologie – CIO Bonn ist das interdisziplinäre Krebszentrum des Universitätsklinikums Bonn. Unter seinem Dach arbeiten alle Kliniken und Institute am Universitätsklinikum zusammen, die sich mit der Diagnose, Behandlung und Erforschung aller onkologischen Erkrankungen befassen. Das CIO Bonn gehört zum bundesweiten Netzwerk ausgewählter Onkologischer Spitzenzentren der Deutschen Krebshilfe. 2018 wurde aus dem seit 2007 bestehenden CIO Köln Bonn mit den universitären Krebszentren aus Aachen, Köln und Düsseldorf das "Centrum für Integrierte Onkologie - CIO Aachen Bonn Köln Düsseldorf" gegründet. Gemeinsam gestaltet dieser Verbund die Krebsmedizin für rund 11 Millionen Menschen.
Zum Universitätsklinikum Bonn: Im UKB werden pro Jahr über 480.000 Patient*innen betreut, es sind 8.800 Mitarbeiter*innen beschäftigt und die Bilanzsumme beträgt 1,5 Mrd. Euro. Neben den über 3.300 Medizin- und Zahnmedizin-Studierenden werden pro Jahr weitere 580 Frauen und Männer in zahlreichen Gesundheitsberufen ausgebildet. Das UKB steht im Wissenschafts-Ranking auf Platz 1 unter den Universitätsklinika (UK) in NRW, weist den vierthöchsten Case Mix Index (Fallschweregrad) in Deutschland auf und hatte 2020 als einziges der 35 deutschen Universitätsklinika einen Leistungszuwachs und die einzige positive Jahresbilanz aller Universitätsklinika in NRW.