Bildnachweis: Universitätsklinikum Bonn / A. Haupt
Neue Erkenntnisse zur Immuntherapie bei seltener Gehirninfektion
Bonner Forschende klären, warum nicht alle Personen mit PML von einer Therapie mit Immuncheckpoint-Inhibitoren profitieren
Bonn, 1. April – Die progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML) ist eine seltene, aber sehr schwere Erkrankung des Gehirns. Sie entsteht durch die Reaktivierung des weit verbreiteten JC-Virus, wenn das Immunsystem stark geschwächt ist. Eine gezielte antivirale Therapie gibt es bislang nicht, weshalb neue Behandlungsansätze dringend benötigt werden. In den letzten Jahren wurden vermehrt sogenannte Immuncheckpoint-Inhibitoren eingesetzt, die das Immunsystem „entbremsen“ und körpereigene Abwehrzellen wieder aktiver machen. Forschende des Universitätsklinikums Bonn, der Universität Bonn und der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) haben untersucht, warum nicht alle Personen mit PML gleichermaßen von dieser Therapie profitieren. Die Ergebnisse sind kürzlich im Fachjournal JAMA Neurology erschienen.
PML, ist eine seltene, aber sehr schwere Infektionserkrankung des Gehirns. Ausgelöst wird sie durch das sogenannte JC-Virus, auch bekannt als Humanes Polyomavirus-2. Dieses Virus tragen viele Menschen in sich, ohne dass es zu Beschwerden kommt. Gefährlich wird es, wenn das Immunsystem stark geschwächt ist, etwa durch eine HIV-Infektion, bestimmte Krebserkrankungen oder immunsuppressive Therapien. Dann kann das Virus reaktiviert werden und in das zentrale Nervensystem einwandern, wo es zu einer sogenannten demyelinisierenden Entzündung führt. Das bedeutet, dass die „Isolationsschicht“ der Nerven verloren geht und es letztlich zu neurologischen Ausfällen wie Lähmungen, Sprachstörungen oder Sehstörungen kommt. Die Symptome der PML sind vielfältig und häufig rasch fortschreitend.
Immuncheckpoint-Inhibitoren lösen die „Bremse“ des Immunsystems
Eine spezifische antivirale Therapie gibt es bislang nicht und die Sterblichkeitsrate bei der Erkrankung ist insgesamt sehr hoch. Die Prognose hängt entscheidend davon ab, ob es gelingt, die körpereigene Immunabwehr wieder zu stärken. „In den letzten Jahren wurden vermehrt sogenannte Immuncheckpoint-Inhibitoren eingesetzt. Das sind Medikamente, die vor allem für unterschiedliche Tumorerkrankungen zugelassen sind und die das Immunsystem „entbremsen“ und körpereigene Abwehrzellen wieder aktiver machen sollen. Allerdings profitieren nicht alle PML-Patientinnen und Patienten gleichermaßen von dieser Therapie, und bislang war unklar, warum“, beschreibt Dr. Nora Möhn von der Klinik für Neuroimmunologie und Neuromuskuläre Erkrankungen am UKB, die auch an der Universität Bonn forscht, ihre Motivation.
Vorhandene antivirale Abwehrmechanismen entscheiden über Therapieerfolg
In einer internationalen Studie mit über 100 PML-Patientinnen und -Patienten konnte Möhn zusammen mit Dr. Lea Grote-Levi und Prof. Dr. Thomas Skripuletz von der MHH zeigen, dass vorhandene antivirale Abwehrmechanismen vor Therapiebeginn entscheidend sind. Personen, bei denen vor der Behandlung mit Immuncheckpoint-Inhibitoren virusspezifische T-Zellen gegen das JC-Virus im Blut nachweisbar waren, sprachen deutlich besser auf die Immuntherapie an. Sie überlebten länger, zeigten günstigere neurologische Verläufe und entwickelten seltener schwere Nebenwirkungen. Bei Betroffenen ohne solche virus-spezifischen Immunzellen war der Nutzen der Therapie hingegen deutlich geringer, während Nebenwirkungen häufiger auftraten.
„Die Ergebnisse legen nahe, dass Immuncheckpoint-Inhibitoren nicht bei allen PML-Betroffenen gleich wirksam sind, sondern vor allem dann helfen, wenn noch eine gewisse ‘Restfunktion’ des Immunsystems vorhanden ist. Eine Blutuntersuchung könnte künftig dabei helfen, besser abzuschätzen, wer von dieser Therapie profitiert und wer möglicherweise eher andere Behandlungsstrategien benötigt“, sagt Möhn. „Damit liefert die Studie einen wichtigen Schritt hin zu einer individuelleren und sichereren Behandlung dieser lebensbedrohlichen viralen Erkrankung.“
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